Buchhandlung Netzel feiert 135. Jubiläum

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Netzel in den Anfangsjahren (Foto: Archiv Netzel)

Netzel in den Anfangsjahren (Foto: Archiv Netzel)

Ganz besonders voll war es heute in der Buchhandlung Netzel. Neben der üblichen Kundschaft standen viele Worpsweder an, um Silke Schröter – der Ur-Enkelin des Firmengründers Friedrich Netzel – zum 135. Jubiläum ihrer Buchhandlung zu gratulieren. Wer mochte, durfte ihr schon am Morgen mit einem Glas Sekt zuprosten. Rechtzeitig zu dem besonderen Anlass hatte Silke Schröter einen Flyer über die Firmengeschichte erstellt und sich dafür durch eine Fülle an Material gearbeitet. Einige der Postkarten, die der umtriebige Firmengründer zu Beginn des letzten Jahrhunderts drucken lassen hatte, bekamen die Gratulanten als Repliken überreicht. Eine sympathische Geste für die treue Kundschaft, die sich gern auch mal länger in dem Geschäft aufhält, das nichts von seinem historischen Charme verloren hat.
Im Jahr 1879 gründete der aus Bremen zugreiste Friedrich Netzel sein Geschäft als Buchbinder. Im Auftrag der umliegenden Gemeinden wurden Akten aufgebunden, die Kirchengemeinde ließ Gesangsbücher neu binden, die Schulen bestellten Lehrmaterial und Rohrstöcke. Dass die damals noch intensiv genutzt wurden, zeigen die „Anschreibebücher“, in denen alle Umsätze verzeichnet waren.
Diese Anschreibebücher sind tatsächlich hochinteressant und lesen sich wie das „Who-is-who“ der Künstlerkolonie, die erst zehn Jahre später gegründet wurde. Mackensen, Modersohn, Paula Becker, Rilke, Vogeler – sie alle bezogen ihre Malutensilien über Friedrich Netzel, durchaus mit großzügigem Kredit, aber auch im Tausch gegen Bilder. Beim Lesen der Einträge stellt sich die Frage, ob Worpswede überhaupt jemals ein Künstlerdorf geworden wäre, wenn es diese Möglichkeit des Anschreibens nicht gegeben hätte. Vielleicht wären die jungen Künstler sehr bald wieder in ihre Heimatstädte zurück gegangen.
Aus dem ehemals kleinen Geschäftshaus – die heutige Bücherstube ohne Dachausbau – wurde im Jahr 1902 bereits das heutige Netzel-Gebäude mit seinen Ateliers unter dem Mansarddach. Clara Westhoff, Carl Hauptmann und andere Künstler fanden dort ihr Quartier, in dem sie sich offensichtlich sehr wohl fühlten, wie einige Dokumente belegen. Das Ladenangebot wurde ausgeweitet und so konnten neben Farben und Pinseln auch Zahnbürsten, Strumpfhalter und Kinderwäsche gekauft werden. Sogar Bonbons und Schokolade gab es, so wie heute auch wieder.
Uns zugezogenen Worpswedern ist die jüngere Tochter des Firmengründers noch präsent. Klara verstarb im Jahr 1985, hat aber noch im hohen Alter ihren Platz hinter der Ladentheke gehabt. Ihre Tochter Edda, verheiratete Schröter, lernte als erste Buchhändlerin und schaffte den Wandel in die heutige Zeit. Seit 2004 leitet ihre Tochter Silke, ebenfalls Buchhändlerin und Diplom-Geologin, das Geschäft und nimmt die Herausforderung an, gegen Internet und Amazon zu bestehen. Einen Online-Shop (www.buchhandlung-netzel.de) gibt es bei ihr auch, und der Computer, den sie auf dem ehemaligen Wohnzimmertisch von Rilke platziert hat, ist täglich im Gebrauch. Dennoch gibt es für uns Stammkunden nichts Schöneres als die altmodische Ladenglocke, den Büchergeruch und die Vielfalt an Kleinkram. Aber Zeit müsst ihr mitbringen, denn der Laden will in Ruhe erkundet werden!

Hier gibt es alles - und wenn nicht, wird es bestellt

Hier gibt es alles – und wenn nicht, wird es bestellt

Der Tresen hat sich kaum verändert

Der Tresen hat sich kaum verändert

Nicht nur Kinder bekommen bei Netzel glänzende Augen

Nicht nur Kinder bekommen bei Netzel glänzende Augen

Die heutige Bücherstube ist der Ursprung des Firmengebäudes

Die heutige Bücherstube ist der Ursprung des Firmengebäudes

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Datum: Montag, 1. Dezember 2014
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Ein Kommentar

  1. 1

    Moin Moin,
    ich bin hier zufällig gelandet und wollte mal liebe Grüße hinterlassen – Eine schöne liebevolle Seite, von einem echten Woprsweder-Fan (der aber selbst lt. Impressum aber nicht dort wohnt?)

    Viele Grüße vom Taxiblogger

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