Design im Kunsthandwerk

Kunsthandwerk und Design, schließen die einander nicht aus? Bei Design denken wir an trendige, edle und teure Produkte, auch wenn sie oft nur als Vorlage für Massenproduktionen fernöstlicher Herkunft dienen. Mit Kunsthandwerk verbinden wir hingegen die Töpferin, die einsam an ihrer Drehscheibe Tassen oder Schalen produziert, die in der Sammlung älterer Herrschaften landen oder im Öko-Haushalt als Müslischüsseln Verwendung finden.
Diese in unseren Köpfen verankerten Schubladen aufzuräumen, hat sich eine Gruppe Worpsweder Kunsthandwerkerinnen zum Ziel gesetzt. Die Initiatorinnen Ingrid Ripke-Bolinius (Keramikerin), Christel Schäfer-Pieper (Keramikerin), Rainer Staudenmaier (Goldschmied) und Regina Blome-Weichert (Goldschmiedin) veranstalten derzeit zum zweiten Mal die „Tage des Kunsthandwerks Worpswede“ mit einer hochkarätigen Auswahl aktueller Werkstücke aus den Ateliers von insgesamt 48 Teilnehmern aus ganz Deutschland, Österreich, den Niederlanden und sogar aus Kirgisien. Die sehr geschickt und geschmackvoll aufgebaute Präsentation in den Räumen des Alten Rathauses Worpswede zeigt eindrucksvoll, dass die Grenzen zwischen traditionellem Kunsthandwerk und dem oftmals akademischen Design fließend sind, dass es zu hochinteressanten Symbiosen kommt. Ohne Zweifel ist Worpswede prädestiniert für eine derartige Veranstaltung, denn seit Vogeler hat die Verbindung von Kunst und Handwerk ihren festen Platz im Künstlerdorf.
Für den Schubladendenker ungewöhnliche Exponate sind auch deshalb eingereicht worden, weil die Initiatorinnen, wie bei der ersten Veranstaltung vor zwei Jahren, ein Thema gestellt haben. Alle Teilnehmer sollten Werkstücke entwerfen und umsetzen, die sich mit Licht auseinander setzen. Es ist erstaunlich, wie sich Handweberinnen oder Holzgestalter, Keramikerinnen oder Goldschmiede in dieses Thema hineinversetzt und unterschiedlichste Ausprägungen von Licht gefunden haben.
Natürlich haben sich viele der Kunsthandwerkerinnen dem Thema genähert, indem sie Licht mit Leuchten gleichsetzen und ihr übliches Arbeitsmaterial mit verschiedenen Leuchtmitteln versehen. Die Umsetzungen dieser Kombinationen sind sehenswert, originell und teilweise innovativ. „Pillow lights“ nennt so zum Beispiel Victoria Gómez ihre papierenen Kopfkissen, mit LED-Bändern statt Daunen gefüllt und an der Wand befestigt. Sie machen sich vermutlich im Schlafzimmer gut, aber nicht nur dort. Arne Leucht macht seinem Namen alle Ehre, indem er filigran aus Furnieren gearbeitete Quader zum Leuchten bringt. Hohe technische Anmutung haben die Objekte von Irene-Maria Borgardt. Dünne Glasröhren, in denen zerbrechliche farbige Glasstäbchen stecken, wachsen aus Edelstahlzylindern und verbreiten angenehmes Licht. Einen großen Raum müsste ein eventueller Käufer des Objekts von Peter Heidhoff bereit halten. Seine über zwei Meter hohe Installation mit riesigen Streichhölzern, deren Köpfe farbig beleuchtet sind, braucht Platz. Originell sind auch die „Taschenlampen“ von Elena Graure-Manta. Die Glasgestalterin spielt sehr wirkungsvoll mit dem ihr vertrauten Material und erhebt ihre gläsernen Taschen über den Gag hinaus zum Kunstobjekt.
Etliche Exponate beziehen ihre Lichtwirkung aus dem Umfeld, spielen damit, verleiten die Betrachter, um sie herum oder auch mal in die Hocke zu gehen. Auffallend die Arbeiten von Jürgen-Ferdinand Schulz, der das natürliche Licht mit in Holzskulpturen aufgeschichteten, schmalen Glasplatten einfängt. Säule, Auge oder Fisch, der Kontrast zwischen alten Eichenbalken und dem kühleren Glas erzielt eine ganz besondere Wirkung. Auch die Goldschmiede hatten es nicht so leicht, sich dem Thema adäquat zu nähern. Umso bemerkenswerter, welche Objekte dargeboten werden Rainer Staudenmaier hatte das Glück, eine ganz besondere Achatplatte zu finden, die alle Nuancen vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang und dunkle Gewitterwolken erkennen lässt. Leicht und durchscheinend gefasst kann sie ihre ganze Wirkung entfalten. Wer einmal einen Bernstein in die Sonne gehalten wird, wird die Faszination, die dieses Millionen Jahre alte Stück Natur auf die Goldschmiedin Regina Blome-Weichert ausübt, nachvollziehen können. Die feingliedrig aus Silber gearbeitete Meerjungfrau hält ein durchleuchtetes Exemplar in ihren Händen, während ein großer, dunkler Bernstein im Netz gefangen scheint und trotzdem intensiv strahlt. Der Bernsteinschmuck wird artgerecht in mit Wasser gefüllten Gläsern präsentiert.
Bei insgesamt 48 Ausstellerinnen gäbe es noch viele Einzelstücke zu beschreiben, doch damit wird man der Ausstrahlung der Objekte ohnehin nicht gerecht. Da wäre zum Beispiel noch das Triptychon aus drei handgewebten Wandläufern von Susanne Seufzer. Diese künstlerischen Objekte aus feiner, sanft fallender Viskose spiegeln wunderbar die Lichtsituation zu verschiedenen Tageszeiten wider, die vor 125 Jahren die ersten Künstler nach Worpswede gelockt hat. Ihre und alle anderen Arbeiten der „Tage des Kunsthandwerks“ zeigen zugleich auch, dass das Kunsthandwerk immer noch seine Berechtigung hat, modern und innovativ ist und Impulse geben kann.
Zum Abschluss der Ausstellung findet auf dem Areal rund um die Galerie Altes Rathaus ein Kunsthandwerkermarkt statt, bei dem mehr als 50 Aussteller mit ihrem Angebot vertreten sein werden.
(Samstag und Sonntag 24./25. Mai, jeweils 10:00 bis 18:00 Uhr)

Die Ausstellung ist bis zum 25.05.2014 Di – Fr von 14:00 bis 18:00 und
Sa – So von 11:00 bis 17:00 geöffnet

Übersicht

Übersicht

Übersicht

Übersicht

Eröffnung durch Bürgermeister Schwenke und den Gastredner Narciss Goebbel

Eröffnung durch Bürgermeister Schwenke und den Gastredner Narciss Goebbel

Große Streichholzinstallation von Peter Heidhoff

Lampen von Christiane Toewe und große Streichholzinstallation von Peter Heidhoff

Ausgefallen Hüte von Kerstin Meisner, im Hintergrund die wunderschönen Wandläufer von Susanne Seufzer

Ausgefallen Hüte von Kerstin Meisner, im Hintergrund die wunderschönen Wandläufer von Susanne Seufzer

"Taschenlampen" von Elena Graure-Manta

„Taschenlampen“ von Elena Graure-Manta

Bernd Lichtenstein (hinten) und Irena-Maria Borgardt

Bernd Lichtenstein (hinten) und Irena-Maria Borgardt

Sehr stimmig gefasste Achatplatte mit Sonnenuntergang von Rainer Staudenmaier

Sehr stimmig gefasste Achatplatte mit Sonnenuntergang von Rainer Staudenmaier

Holzobjekt mit Glas von Jürgen-Ferdinand Schulz

Holzobjekt mit Glas von Jürgen-Ferdinand Schulz

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Datum: Sonntag, 27. April 2014
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